MEHR KUNST

NOCH MEHR GEDANKEN ÜBER KUNST

"Kunst liegt im Auge des Betrachters" - diesen Satz haben viele sicher schon gehört. Ist da was dran oder ist das nur eine weitere Floskel wie viele andere über Kunst, die absolut nichts aussagen? Auch ich habe diesen Begriff schon mehrmals gelesen oder gehört. Ich muss sagen, dass dieser Satz mich überhaupt nicht überzeugt und ich bin damit nicht einverstanden. Vielleicht, wenn es nicht sog. anerkannte Kunst gäbe. Das bedeutet, jemand hat schon für mich entschieden was Kunst ist oder nicht. Ein schwarzes Quadrat auf der Leinwand ("Das Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch, bitte als weiteres Beispiel sehen), was jeder von uns malen könnte, sogar jedes Kind, man braucht kein Können, gehört zur anerkannten Kunst. Ob uns das gefällt oder nicht, unsere Meinung ist nicht gefragt. Klar, wir können doch immer sagen: "Für mich ist das keine Kunst". Tja, trotzdem bleibt das Objekt im Museum (ein Ort praktisch nur für Kunst), trotzdem wird es von Experten als eine Ikone der Malerei des 20. Jahrhunderts bezeichnet, als ein Meilenstein der Malerei der Moderne, trotzdem wird es im Kunstunterricht erwähnt, trotzdem wird es in Lexika und in der Fachliteratur erwähnt. Was der Betrachter sagt, spielt absolut keine Rolle. Auch wenn in einem Museum 100 Menschen (Betrachter, Empfänger, Besucher) von 100, irgendein Objekt/Exponat einfach nur schrecklich finden und nie im Leben als Kunst betrachtet werden, bringt das auch nichts. Gar nichts. Der Empfänger hat nichts zu sagen.

Damit will ich sagen, dass "das Auge des Betrachters" überhaupt keine Rolle spielt. Der Betrachter kann, ganz klar, für sich entscheiden aber es hat keinen Einfluss auf irgendetwas. Zwei oder drei, sogar zufällig entstandene, Flecken auf der Leinwand werden zur Kunst erhoben/ernannt/deklariert/nominiert genau wie genanntes Pinkelbecken, ohne den Betrachter zu fragen. Auch wenn er sagt: "Fountain ist für mich keine Kunst!", dann macht er sich höchstens lächerlich, weil das Urinal Kunst ist, sogar DIE Kunst. Also ist das Auge des Betrachters absolut unbedeutend und damit die Behauptung falsch.

Ich kann nicht viel mit Sprüchen wie "Kunst liegt im Auge des Betrachters" oder noch schlimmer, "Kunst ist Kunst" anfangen. Bei solchen Aussagen fühle ich mich, als möchte jemand mich zum Narren halten. Das mag ich nicht. Ich mag auch nicht, wenn jemand verschiedene Märchen erzählt nur um auf ein Kunstwerk aufmerksam zu machen. Im Künstlerleben nach meistens sinnlosen Verbindungen von Episoden und Lebensabschnitten (die "gelbe" oder die nüchterne "Phase") zu den Werken zu suchen, mag ich auch nicht. Ob sich ein Künstler ein Ohr oder sogar zwei abgeschnitten hat, beweist doch gar nichts - im Zusammenhang mit den Werken – die werden doch durch den Akt nicht besser.

Oft ähnelt der Umgang mit der Kunst einer Religion. "Die Kunst selbst ist Religion" - schrieb Karl Friedrich Schinkel, deutscher Architekt und Maler. Nach diesem Motto, welches von sehr vielen gepflegt wird, sollte und dürfte man kein kritisches Wort über Kunst verlieren. Die anerkannten Religionen sind sogar gesetzlich davor geschützt, man darf nicht einfach so über Gott frei sprechen. Ich habe mehrmals Menschen getroffen, die genau so über Kunst denken: Kunst ist (vor allem) etwas Geistliches und unterliegt keiner Kritik: entweder Lobeshymne oder stillhalten.

Enge Verbindung von Kunst und Religion kann man nicht leugnen. Beide haben einen gleichen Ursprung, Museen sind oft Kirchen und die Werke gelten als sakrale Gegenstände. Gut, manche reden von Religionsersatz aber es kommt summa summarum auf das Gleiche hinaus. Ich bin natürlich nicht der Erste, der mit dieser These einverstanden ist und darüber schreibt. Man kann hier viele bekannten Namen nennen, die schon in der Vergangenheit viel darüber gesprochen oder geschrieben haben, weil sie bemerkt haben wie eng beide Bereiche zusammenhängen. Wenn man aber unbedingt möchte, kann man es auch anders formulieren: Kunst ist keine Religion, aber viele, sehr viele Menschen behandeln/betrachten/sehen die Kunst genau so.

Es gibt mindestens tausend Zitate zur Kunst. Meistens jedoch entweder unverständliche, zweideutige oder überhaupt nichts sagende. Es gibt auch viele Versuche den Bereich irgendwie zu definieren. Es hat noch nie so richtig geklappt. Es gibt aber auch Aussagen, die eigentlich keiner hören/lesen möchte. Wozu denn? Man fühlt sich später irgendwie enttäuscht, die letzten Illusionen verschwinden, man möchte einfach nicht (alles) wissen, man wehrt sich vor allem gegen sog. unbequeme Wahrheiten und gegen neue Überzeugungen. Eine sehr zutreffende und vor allem ehrliche (!) Aussage hat der große Picasso gemacht. Er soll am 2. Mai 1952 in Madrid eine Rede gehalten haben, in der er sagte:

Zitat: "Seit die Kunst nicht mehr die Nahrung der Besten ist, kann der Künstler seine Talente für alle Wandlungen und Launen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen einem intellektuellen Scharlatanismus offen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost noch Erhebung. Aber die Raffinierten, die Reichen, die Nichtstuer und die Effekthascher suchen in ihr Neuheit, Seltsamkeit, Originalität, Verstiegenheit und Anstößigkeit. Seit dem Kubismus, ja schon früher, habe ich selbst alle diese Kritiker mit zahllosen Scherzen zufrieden gestellt, die mir einfielen und die sie um so mehr bewunderten, je weniger sie ihnen verständlich waren. Durch diese Spielereien, diese Rätsel und Arabesken habe ich mich schnell berühmt gemacht. Und der Ruhm bedeutet für den Künstler: Verkauf, Vermögen, Reichtum. Ich bin heute nicht nur berühmt, sondern auch reich. Wenn ich aber allein mit mir bin, kann ich mich nicht als Künstler betrachten im großen Sinne des Wortes. Große Maler waren Giotto, Tizian, Rembrandt und Goya. Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen." Zitat Ende.

Zu diesem Thema möchte ich auch ein kleines Buch von Nicole Zepter vorstellen: "Kunst hassen: Eine enttäuschte Liebe"

Zitat: "Niemand traut sich mehr, die Frage zu stellen, was gute Kunst ausmacht. Nicole Zepter zeigt mit lustvoller Polemik, dass die Ablehnung von Kunst heutzutage ein Tabu ist, und sie nennt die Gründe, warum das System so festgefahren ist. »Kunst hassen« geht direkt an den falschen Respekt, der den Betrachter für dumm erklärt. Wieso müssen wir Kunst bewundern, die uns langweilt? Weshalb sind viele bekannte Künstler sofort bedeutend? Und warum glauben wir überhaupt einem Museum? Dieses Buch zeigt, wie der moderne Kunstbetrieb darüber bestimmt, was wir heute als Kultur wahrnehmen – und warum wir uns damit abfinden. Es beschreibt das System hinter den Besuchermassen erfolgreicher Ausstellungen und hochgehandelten Kunststars. Es zeigt, wie unser Vertrauen in Autorität, der Glaube an das Kunstgenie und ein kleiner Kreis von Galeristen und Sammlern uns anleiten, das als Kunst zu bewerten, was uns vorgesetzt wird. »Kunst hassen« ermächtigt den kunstinteressierten Laien oder Experten, seine Ehrfurcht vor der Kunst abzulegen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden." Zitat Ende.
(Quelle: amazon.de)

Ich traue mich Fragen zu stellen. Ja, das tue ich. Von dem falschen Respekt habe ich geschrieben. Auch über die "kniende" Position, die viele vor Kunst annehmen. Dass der Betrachter oft zum Narren gemacht wird auch. Ein paar Worte über die gierige Kunstszene (die uns anleitet) habe ich verloren. Ich behaupte, ich habe mir ein eigenes Urteil gebildet.

Nicole Zepter sagt auch, dass Kunstkritik immer als persönlicher Angriff gesehen wird, dass Kunstkritik als Tabu gilt, dass man sich nicht negativ äußern darf … etc. Ich glaube, kurz zusammengefasst, manche, es werden immer mehr, die so denken, haben einfach genug vom Kunstgeschwafel, vom lächerlichen Pathos, von autoritärem Gelaber, von den ganzen Märchenerzähler ... Auch wenn das alles, was ich hier schreibe, für viele wie Majestätsbeleidigung (Seine Majestät = Kunst) klingt, so denke ich.

Zurück zum MENU

Hier zur KUNST MIT FLASCHEN

2006-2016 COPYRIGHT RICHARD RDUCH